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Sabine Bode: Was sollen die alten Geschichten?

Das Mißverständnis:

Die Begegnung liegt etwa zwei Jahre zurück. Zufällig traf ich in einem Straßencafé einen alten Bekannten wieder, einen Lehrer. Nach einer Weile kam von ihm die übliche Frage: "Woran arbeitest du gerade?" Ich nannte das Thema, und zwar bewußt ausführlich: " Es geht um die Frage, wie sich der 2. Weltkrieg auf das Leben derjenigen ausgewirkt hat, die damals Kinder waren."

Sofort sprudelte er los. Er habe gerade wieder einmal eine Klasse mit Anne Frank und den Geschwistern Scholl vertraut gemacht. Und Martin Walser würde in seinem neuen Roman ja auch seine Nazikindheit in den Blick nehmen.

Dies ist die typische Situation. Das Thema wird in neunzig Prozent der Fälle erstmal mißverstanden. Offenbar ist es für die meisten Deutschen auf Anhieb nicht zu begreifen, daß es eine Nazivergangenheit und eine Kriegsvergangenheit gibt.

Als der Lehrer das Thema schließlich verstanden hatte, ging er sofort zum Angriff über:

Wie ich dazu käme, Kriegszeit und Nazizeit zu trennen? Das sei doch unmöglich!

Ob ich etwa die Seiten gewechselt hätte?

Ginge es mir jetzt darum, die Deutschen als Opfer zu stilisieren?

Jemand, der soviel über die NS-Vergangenheit und den Holocaust gearbeitet hätte – er meinte mich –, müßte es doch nun wirklich besser wissen.

"Du selbst wurdest 1937 in Berlin geboren", sagte ich. "Was hat dich in deiner Kindheit mehr bestimmt: die Nazis oder Bomben und Hunger?

Mein Gegenüber würde heftig: "Begreifst du das immer noch nicht?! Ohne die Nazis hätte es für meine Familie die ganzen Kriegserlebnisse nicht gegeben!"

"Muß ich mir das so vorstellen", fragte ich weiter, "daß du dich später mit den Schrecken des Nationalsozialismus beschäftigt hast – aber nicht mit deiner eigenen Kriegskindheit."

"Genau so", bestätigte er. "Der Krieg war vorbei, als ich acht Jahre alt war. Andere haben es noch viel schlimmer gehabt!"

Das ist der Satz, der am häufigsten fällt, wenn man die Kriegskindergeneration auf ihre Erfahrungen anspricht:

Andere haben es noch viel schlimmer gehabt!

Und es gibt noch einen zweiten Satz. Er lautet:

Es hat uns nicht geschadet.

Auch der Lehrer im Straßencafé sprach ihn aus, mit voller Überzeugung.

Hier war es mit meiner Gelassenheit vorbei.

"Der Krieg hat euch nicht geschadet? Warum warst du dann so aktiv in der Friedensbewegung? Und hast du mir nicht stolz erzählt, deine Schulklasse hätte für Kinder vom Balkan Spenden gesammelt? Wenn der 2. Weltkrieg den Kindern nicht geschadet hat, wieso sollen dann plötzlich die Kinder vom Balkan unter Krieg leiden?"

"Was sollen denn noch die alten Geschichten?! "sagte der Lehrer, und er klang immer noch aggressiv. "Dieser Krieg ist seit über 50 Jahren vorbei!"

Am Nachmittag desselben Tages besuchte ich eine Frau, die bei Kriegsende zwölf Jahre alt gewesen war. Ich war neugierig auf das Gespräch, gehörte sie doch zu den wenigen, die mich auf Anhieb richtig verstanden hatten. Ihr Vater war nicht aus dem Krieg zurückgekehrt. Er blieb ein Vermißter. Die Frau erzählte: "Unsere Mutter hat bis zu ihrem Tod immer wieder den Gedanken ausgesprochen: Vielleicht lebt er ja noch. Vielleicht hat er ja in Rußland mit einer anderen Frau noch einmal eine Familie gegründet.

Erst 1997 hatte meine Interviewpartnerin und ihre zwei Schwestern vom Auswärtigen Amt die Todesnachricht erhalten. Offenbar waren verschollene Akten wieder aufgetaucht, oder das neue Rußland hatte bislang unzugängliche Archive geöffnet. Der Vater war 1948 in einem Kriegsgefangenenlager in Sibirien gestorben.

Am Ende unseres Gesprächs fragte ich die Frau, ob sie sich jemals die Frage gestellt habe, wie wohl ihr Leben verlaufen wäre, wenn es diesen Krieg nicht gegeben hätte. Ihre Antwort kam so schnell, wie die Tränen, die ihr in die Augen schossen.

"Ich wäre nicht so dumm geblieben", sagte sie. Als Älteste der drei Schwestern hatte sie Pflichten übernehmen müssen wie eine Erwachsene. Vor allem hatte sie ihre Mutter, die unter Depressionen litt, unterstützen müssen. An Schulbildung erfuhr sie nur das nötigste. An eine Berufsausbildung war erst gar nicht zu denken.

Beim Abschied sagte sie: "Bitte bleiben Sie dran am Thema".

Das tue ich – aber es ist unglaublich schwierig, es in den Medien unterzubringen. Die vielen Ablehnungen sind ärgerlich, doch sie verletzen mich nicht, weil ich selbst nicht betroffen bin. Ich bin Jahrgang 47.

Doch angesichts des allgemeinen Desinteresses verstehe ich sehr gut, warum diejenigen, die ein Bedürfnis haben, über ihre Kriegskindheit zu reden, so häufig schweigen.

Die Gleichgültigkeit signalisiert: Was du erlebt hast, ist unwichtig. Das tut weh.


Das Schweigen:

Als ich mich vor drei/vier Jahren erstmals mit dem Thema "Wie der 2. Weltkrieg bis heute nachwirkt" beschäftigte, traf ich die Entscheidung, mich auf die Generation der damaligen Kinder zu konzentrieren. Denn über sie wußte ich am allerwenigsten. Zunächst befragte ich nur diejenigen, die in den Dreißiger Jahren geboren waren, weil sie über konkrete Erinnerungen verfügten. Schon in meiner Jugend hatte ich den Eindruck, daß sich diese dreißiger Jahrgänge erheblich von uns Jüngeren und der Generation meiner Eltern unterschieden. Sie kamen mir ernster, formeller und auch zuverlässiger vor, so daß ich mich manchmal fragte, ob sie jemals richtig jung gewesen waren.

Im Jahr 1957 veröffentlichte der Soziologe Helmut Schelsky ein Buch mit dem Titel "Die skeptische Generation". Im Blickpunkt standen die in den dreißiger Jahren Geborenen. Schelskys Befund: Nun, im Alter von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, sei diese Generation für politisches Engagement kaum zu gewinnen, da dieser Weg bei ihren Eltern in die Katastrophe geführt hätte.

Der Soziologe schrieb vor dem Hintergrund, daß für die meisten Kinder der Zusammenbruch bei Kriegsende plötzlich und ohne Vorwarnung gekommen war - anders als für die Erwachsenen, die aus Stalingrad und allen weiteren Niederlagen ihre Schlüsse gezogen hatten. Da man als gefährlicher Verräter galt, wenn man am Endsieg zweifelte, taten Eltern gut daran, ihre schlimmen Vorahnungen für sich zu behalten. Die Folge aber war, daß viele Kinder bis zuletzt der Nazipropaganda glaubten, und dann einen überfallartigen, brutalen Wechsel erlebten: Mit einem Schlag war eine scheinbar heile, großartige Welt voll Opfermut, Heldentod und rauschhafter Siegesgewißheit ausgelöscht. Statt dessen gehörte die Kinder nun einem Volk von Zerlumpten, Bettelnden und Verwundeten an.

Schelskys Generationsporträt ist eine Rarität. Es war das einzige Mal, daß sich ein Wissenschaftler mit dem Lebensgefühl jener Deutschen beschäftigte, die als Kinder nichts anderes als Nazizeit und Krieg kennengelernt hatten. In den siebziger Jahren kam ein schwaches Echo, als sich die Medien für die Erfahrungen der sogenannten "Flakhelfergeneration" interessierten. Zehn Jahre später erwachte die Nazikindheit als vielbeachtetes Thema in der psychotherapeutischen Literatur, parallel dazu wurde die kriegsbedingte Vaterlosigkeit entdeckt. Sie betraf vor allem die vierziger Jahrgänge, die ebenfalls zu den Kriegskindern gerechnet werden müssen.

Eine Reihe von Schriftstellern steuerte Autobiografisches aus der Kinderperspektive bei, vor allem aufschlußreiche Szenen des Nazialltags. Bomben, Vertreibung, Hunger wurden eher beiläufig erwähnt. Wer das Glück hatte, in friedlichen Zeiten aufgewachsen zu sein, erfuhr durch die Lektüre, daß die gewalttätigen Verhältnisse durchaus als "normal" empfunden wurden, und daß die erwachsen gewordenen Kinder auch im Rückblick keinen Anlaß sahen, über ihr Schicksal zu klagen.

Die Begriffe "Kindersoldaten" und "kriegstraumatisierte Kinder" tauchten erst Anfang der Neunziger auf, in Verbindung mit jeweils aktuellen Kriegsgebieten, wie Ruanda und Bosnien. 1993 fand in Hamburg der internationale Kongreß "Kinder als Opfer von Krieg und Verfolgung" statt. Viele der deutschen Teilnehmer waren, wie ihre angegrauten Haare verrieten, selbst Kriegskinder gewesen. Doch in der extrem umfangreichen Literaturliste der Kongresses taucht das Stichwort "Kriegkinder in Deutschland" nur als winzige Randbemerkung auf. Es gibt dazu keine Untersuchungen, keine gesicherten Zahlen. Das Thema wurde nicht erforscht.

Zwar gibt es eine Flüchtlingsliteratur im beachtlichen Umfang, aber die Kinderschicksale werden auch hier nur am Rande erwähnt.

Im Zusammenhang mit der Kriegskindergeneration spricht der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter von einer "verschwiegenen, unentdeckten Welt". Er verweist darauf, daß die Wissenschaftler ja selbst diesen Jahrgängen angehörten. Was untergründig wirkte, war die Scham. Wegen der eigenen Nähe zum Tätervolk fühlte man sich nur berechtigt, über die Opfer zu forschen: die Überlebenden des Holocaust und die anderen verfolgten Gruppen.

Untersucht wurde übrigens auch die Belastung für jene Kinder, deren Väter zu den Nazitätern gehört hatten – vorausgesetzt, ihre Namen und Taten waren öffentlich bekannt geworden.

Ausgeblendet wurde, daß auch die ehemaligen Kriegskinder, wenn sie weiterhin unter Traumatisierungen litten, zu den Kriegsopfern bzw. zu den Opfern der Naziverbrechen gehörten. Bis heute existiert über die möglichen Langzeitfolgen der ehemaligen Kriegskinder in Deutschland kein öffentliches Bewußtsein. Was nicht heißen soll, daß grundsätzlich die Folgen des Krieges übersehen wurden. Richters Kollege Tilmann Moser erinnert in diesem Zusammenhang an die im Ausland völlig unbekannte Fantasie-Diagnose "Vegetative Distonie": Sie allein reichte in den sechziger und siebziger Jahren den Krankenkassen als Begründung aus, um Menschen eine Kur zu bewilligen. Auch in der Tatsache, daß in Deutschland das Kurwesen so weit verbreitet war wie in keinem anderen Land, vermutet Moser stillschweigende Angebote der Linderung für die, die noch immer an Kriegsfolgen litten.

Daß es Menschen mit seelischen Kriegsverletzungen gab, wurde demnach nie bestritten. Doch die Kindergeneration war heil davongekommen - darüber schien man sich in der Bevölkerung geeinigt zu haben, wiederum stillschweigend. Das Titelfoto eines Bildbandes über sogenannte "Ruinenkinder" zeigt zerlumpte, aber lebensfrohe kleine Gestalten - ganz anders als die bedrückten Flüchtlingskinder aus dem Kosovo, deren Bilder uns im Frühjahr 1999 erreichten.

Eine Generation, die nie gefragt wurde, blieb stumm und unauffällig, und sie tröstete sich mit Einstellung: "Andere haben es noch viel schlimmer gehabt." Völlig entgegengesetzt verhielten sich in den ersten Nachkriegsjahren diejenigen, die schon erwachsen waren. In Romanen und Filmen, die in jener Zeit entstanden, klagten sie alle, die Ausgebombten, die Flüchtlinge, die Witwen, die Verwundeten, die Spätheimkehrer. Den Kindern dagegen wurde gesagt: "Sei froh, daß du überlebt hast. Vergiß alles. Schau nach vorn!" Es geschah.


Die Rolle der NS-Täter:

Noch viele Jahre nach dem Krieg gab es endlos Geschichten vom Krieg, aber das waren Männergeschichten – die Erlebnisse von der Front. Es war ein riesiges Bedürfnis der Ex-Soldaten, davon zu erzählen. Die Landserhefte erreichten Millionenauflagen. Es war ein blühendes Erinnerungsleben noch über Jahrzehnte, während die Leiden der Zivilbevölkerung mit der Währungsreform zu den Akten gelegt wurde. Der Luftkrieg und seine Folgen sind so gut wie nie Thema in der deutschen Nachkriegsliteratur gewesen, bis heute nicht.

In den Ländern, die von den Deutschen überfallen worden waren, hat es eine Tabuisierung des Leids der Kinder nicht gegeben. 1948 veröffentlichte Anna Freud eine Untersuchung über die Auswirkungen des Luftkriegs auf London. Dazu hatte sie 500 Kinder befragt. Es gibt englische Romane, und auch sehr bewegende Filme, die den Krieg aus der Kinderperspektive beschreiben. Ein vergleichbarer deutscher Film ist mir nicht bekannt.

Warum fanden z.B. in England die durch den Krieg erschöpften Erwachsenen noch genügend Kraft, sich dem Leid ihrer Kinder zuzuwenden, und in Deutschland nicht?

War hier das schlechte Gewissen gegenüber den Kindern zu groß? Hatte die Elterngeneration – auch wenn sie jede eigene Schuld von sich wies – im Geheimen eben doch den Verdacht, sie habe zum Unglück ihrer Kinder beigetragen?

Oder beschwichtigte man sich angesichts der Kinder durch die oberste Maxime der schwarze Pädagogik zu, die da heißt: "Gelobt sei, was hart macht"?

Die Opferrrolle hat im Nachkriegsdeutschenland eine ganz andere Gruppe besetzt: Die großen und kleinen Nazis. Es ist ja allgemein bekannt, daß es bei den Massenmördern und ihren eifrigen Helfern zu keiner Zeit Schuldbewußtsein zu entdecken gab. Alle haben sie sich auf ihren Gehorsam berufen, auf angebliche Dienstverpflichtung, auf Befehlsnotstand. Alle haben sie sich dargestellt als Opfer eines verbrecherischen Regimes.

Weiterhin ist bekannt, wie ungern sich die deutsche Nachkriegsjustiz mit NS-Verbrechen befaßte. Und man muß sich daran erinnern, wie ungeheuer mühsam es war, Ende der sechziger Jahre eine Verlängerung der Verjährungsfrist durchzusetzen, damit zumindest einige wenige Täter noch vor Gericht gestellt werden konnten. Ein Prozeß bedeutete natürlich noch lange nicht, daß sie eine Strafe erhielten.

Wer heute in Prozeßakten aus jener Zeit liest, muß erkennen, daß in vielen Fällen nicht einmal der Staatsanwaltschaft an einer Bestrafung gelegen war. Was man in den Anklageschriften aufgelistet hatte, war trotz riesigen Zeitaufwandes häufig so schlampig recherchiert oder dargelegt, daß es der Verteidigung ein leichtes war, einen Punkt nach dem anderen auszuhebeln.

Zum Beispiel, wenn es um die Verbrechen der Polizeibataillone im ehemaligen Generalgouvernement ging. Ihre Truppen haben die Judenvernichtung vorangetrieben. Erst haben sie die Menschen in die Ghettos gesperrt und später in die Viehwaggons geknüppelt,, zum Transport in die Gaskammern von Treblinka und Auschwitz.

Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, in solchen Akten zu lesen. Es ging um den Chef der Gestapo in einer Kreisstadt. Er wurde 1970 freigesprochen. Da stand ein des Massenmords Beschuldigter am Ende des Prozesses als der Prototyp des verantwortungsvollen Beamten da. In der Urteilsbegründung erhielt er folgendes Lob:

"Er war überdurchschnittlich intelligent, strebsam, stets auf peinlich korrekte Pflichterfüllung bedacht.
Er verabscheute Gewalttätigkeit und war stets um Gerechtigkeit und Menschlichkeit bemüht."

Dieser Mann war mindestens 14 Monate Gestapochef gewesen. Es handelte sich um eine kleine Dienststelle mit gerade mal zwanzig Bediensteten, Schreibkräfte und Fahrer eingeschlossen. Es war an der Tagesordnung, daß Juden bei Vernehmungen mißhandelt wurden. Viele starben an den Folgen der Folter. In den Büros lagen Stöcke und Ketten bereit. Ehemalige deutsche Handwerker, die in dem Haus zu tun hatten, erzählten immer wieder von den Schreien, und auch von dem Blut, in den Zimmern, in den Fluren.

Es kümmerte das Schwurgericht nicht, was den jüdischen Opfern, die in großer Zahl als Zeugen ausgesagt hatten, durch diesen Freispruch angetan wurde. Deren Aussagen hatten wenig Gewicht gehabt. Hatte z.B. ein Zeuge bei der Vernehmung arglos geäußert, es sei ja nicht leicht, sich nach so vielen Jahren an alle Details zu erinnern, war damit seine Glaubwürdigkeit massiv in Frage gestellt.

In der Urteilsbegründung heißt es:

Für die jüdischen Zeugen ist es schwer vorstellbar, daß B., obwohl Gestapochef, doch im Einzelfalle nicht für solche Tötungshandlungen verantwortlich zu sein braucht, die von Angehörigen seiner Dienststelle während seiner Amtszeit verübt worden sind.

Daß ein Gericht solche Ammenmärchen übernahm, ist heute, dreißig Jahre nach dem Prozeß, mit dem gesunden Menschenverstand nicht nachvollziehbar.

Dieser Fall macht deutlich genug: Es war für die Täter ein Leichtes, sich als Opfer der Umstände zu präsentieren.

Als Opfer trugen sie für nichts und niemanden Verantwortung, und sie wurden in dieser Haltung von der Mehrheit der ehemaligen Mitläufer unterstützt. Sie alle sahen sich als Verführte und Getäuschte. Kaum jemand konnte nachträglich zugeben, daß es sehr wohl eindeutige Situationen während der Nazizeit gegeben hatte, in denen er hätte "nein" sagen können.

Nur an einer Stelle hatte die Opfernummer der Täter einen kleinen Riß. Denkbar wäre ja gewesen, sie hätten die Kinder miteinbezogen. Aber wie vermittelt man ihnen das? Hätte man sagen sollen: "Onkel Adolf war schuld?" Kaum möglich, wenn in der Erinnerung der Kinder der Führer der größte Wohltäter aller Zeiten gewesen war. Kaum möglich, ohne den Kindern einzugestehen, daß man als Eltern versagt hatte – daß man leichtgläubig, blind oder gar dumm gewesen war.

Bleibt also nur der Vorwurf : "Der böse Amerikaner, Engländer, Russe ist schuld". Aber so etwas funktioniert nicht gut, wenn das eigene Land den Krieg angezettelt und ihn dann verloren hat. In der andemokratisierten Bundesrepublik waren derartige Schuldzuweisungen an den Stammtischen der ewig Gestrigen zu hören, nicht aber in den Schulen und nicht als offizielle Statements.

Es gab also in der Logik des Tätervolkes keinen Schuldigen für das Leid der Kinder. Aus diesem Grund wurden ihre Kriegserlebnisse ignoriert. Die Kinder gerieten in den Sog der allgemeinen Entschuldungs- und Beschwichtigungshaltung der Nachkriegszeit. Sie gingen darin unter.


Die Aufgabe der Politik:

Das Kriegskinderthema wird verschwiegen. Seine gesellschaftspolitische Relevanz wird nicht wahrgenommen. Vielleicht ändert sich das ja noch. Ich sehe drei konkrete Aufgaben, denen sich unsere Gesellschaft möglichst bald zuwenden sollte.

Die erste Aufgabe betrifft die Gesundheitspolitik, die zweite die Menschenrechte und die dritte die politische Umgangskultur.

Die Mehrheit der ehemaligen Kriegskinder, so scheint es, hat ihre Lebensaufgaben erfolgreich bewältigt. Aus der skeptischen Generation wurde eine vielbeschäftigte Generation. Auf diese Weise gelang es ihr offenbar recht gut, die kriegsbedingten seelischen Erschütterungen vom Anfang des Lebens auf Abstand zu halten. Nun aber ist der Ruhestand erreicht oder das Ende des Berufslebens rückt näher. Wird der Damm gegen die Kindheitserinnerungen auch dann noch halten, wenn man plötzlich Zeit hat? Werden ältere Menschen vom Drama ihrer Kindheit eingeholt? Sucht sie der Krieg in ihren Träumen heim? Sind schlecht vernarbte seelische Wunden aufgebrochen?

 

Die wenigen Psychiater und Psychotherapeuten, die für dieses Thema sensibel sind, bestätigen genau das. Auch nach fünfzig Jahren und später kann es geschehen, daß ein Kindheitstrauma reaktiviert wird. Häufig aber haben sich die Symptome verselbständigt. In solchen Fällen fehlen die Schreckensbilder. Weder der Kranke noch der Arzt wissen, daß der lange zurückliegende Krieg unter den Symptomen liegt.

Das Trauma kann aber nur erfolgreich behandelt werden, wenn es als solches erkannt wird. Voraussetzung ist, daß Ärzte bei hartnäckigen seelischen oder körperlichen Erkrankungen oder unklaren Diagnosen zumindest in Erwägung ziehen, daß hier ein Kindheitstrauma zugrunde liegen könnte. Schon ein Blick auf Geburtsjahr und Geburtsort kann wichtige Hinweise geben.

Hier ist viel Bewußtseinsarbeit zu leisten, vor allem von den gesundheitspolitischen Institutionen.

 

Die zweite politische Aufgabe betrifft eine kleine Gruppe unter den ehemaligen Kriegskindern, die unbedingt und schnell auf Hilfe angewiesen ist. Ihr Drama begann im April 1945: Erstmals erreicht die rote Armee in Ostpreußen deutsches Territorium und nimmt mörderisch Rache. Die elfjährige Christa, deren Geschichte hier nur knapp skizziert werden kann, wird Zeugin der Massaker. Kurz darauf sterben ihre Mutter und Großmutter an Hunger. Christa Iwohn und ihrer kleinen Schwester gelingt es, ganz auf sich allein gestellt zu überleben. Sie gehören zu den vielen tausend Kindern, für die eineinhalb Jahre später von den Russen Waisenhäuser eingerichtet wurden.

Anfang 1990: Erstmals ist es für Deutsche wieder möglich, Kaliningrad-Königsberg zu besuchen. Christa Pfeiler-Iwohn organisiert die erste Busreise für sich und andere ehemalige Waisenkinder nach Ostpreußen. Sie hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Waisen, die teilweise noch schwerer betroffen sind als sie selbst, zu helfen. Die meisten leben in der ehemaligen DDR, wo sie nach dem Krieg in Heimen oder Pflegefamilien aufwuchsen. Nicht wenige quälen sich bis heute mit der Frage: Wer bin ich? Als sie ihre Eltern verloren, waren sie noch zu klein, um sich zu erinnern. Was in den Akten über ihre Herkunft steht, ist falsch oder ungenau. Manchmal, aber längst nicht immer, konnte der Suchdienst helfen. Aber die vom Krieg gezeichneten Kinder gaben die Hoffnung nicht auf, bis heute nicht. In Ostpreußen suchen sie auf eigene Faust nach Spuren ihrer Identität. Wer waren meine Eltern? Gibt es noch Verwandte? Schon mehrfach sind Busse nach Kaliningrad gefahren, und es wird wieder geschehen. Gelegentlich haben sich mit Unterstützung von Christa Pfeiler-Iwohn nach vielen Jahrzehnten Geschwisterpaare wiedergefunden. Ihr größter Wunsch ist, daß die russischen Behörden endlich die Akten der damaligen Waisenhäuser zugänglich machen. Sie weigern sich rigoros.

Für die Betroffenen liegt der Grund auf der Hand. Es sind nicht nur Frauen, sondern auch Kinder vergewaltigt und mit Geschlechtskrankheiten infiziert worden. Sie sind in den Waisenhäusern von russischen Ärzten untersucht und behandelt worden. Dies steht in den Akten. Womöglich werden die Kindervergewaltigungen als politischer Sprengstoff eingestuft. Damit möchte sich weder die russische noch die deutsche Seite konfrontiert sehen.

Hier zeigt sich: Für die etwa 5000 Betroffenen ist politische Unterstützung dringend erforderlich. In Bonn war man bislang taub für ihr Anliegen, und nun auch in Berlin. Christa Pfeiler-Iwohn sagt: "Es ist spät, aber nicht zu spät." Sie weiß: Um in Ruhe alt werden zu können, brauchen Menschen ihre komplette Biographie, ohne leere Stellen, ohne Schatten. Sie müssen wissen, wer sie sind. Das gehört zu den Menschenrechten.

Die dritte Herausforderung betrifft die Umgangskultur in der Politik.

 

Ein Jahr ist es her, als die Nato anfing, Bomben über Belgrad abzuwerfen. Das Thema "Krieg" war Sprengstoff für viele deutsche Beziehungen. Warum hatten die aggressiven Debatten in der Partei der Grünen soviel Ähnlichkeit mit einem handfesten Familienkrach? Er fand seine Entsprechung im Privaten, denn auch hier wurden häufig vernünftige Worte nicht mehr gefunden. Feste wurden abgesagt. Freundschaften waren bedroht, nicht wenige sind daran zerbrochen. Häufig ging ein Riß durch die Familie.

Warum aber fängt bei uns Deutschen der Streit bereits bei den Fakten an, und nicht erst bei den Positionen?

Zum Beispiel die Kontroverse, als Fischer die Vertreibung aus dem Kosovo mit Auschwitz verglich: Da lagen doch die Fakten klar auf der Hand. Kaum etwas anderes ist so gut erforscht wie Auschwitz. Darüber muß man doch nicht streiten. Darüber müßte man auch nicht lange Artikel schreiben. Fischer hat emotional reagiert, das ist menschlich. Das ist alles. Eigentlich hätte das jeder sehen müssen. Woher also die Aufregung? Warum die ausgedehnten Belehrungen in den Printmedien?

Ich habe mir sagen lassen, daß Italiener, Franzosen und Engländer hierin ebenfalls ein typisch deutsches Verhalten sehen. In internationalen Gremien - zum Beispiel bei Politikern, Kirchenvertretern oder Umweltschützern - gilt es als ärgerlich, daß die Deutschen häufig soviel Zeit brauchen, um sich über unbestrittene Tatsachen zu einigen. Und das geschieht meistens dann, sobald bei einem Thema irgendwelche, fast immer unbewußten Verbindungslinien zur Kriegs- und Nazizeit bestehen. Wehe dem Italiener, Franzosen oder Engländer, der den Hinweis einstreut, daß hier womöglich Unerledigtes aus der Vergangenheit mit im Spiel sei und so der Zugang zur Nüchternheit erschwert sei. Da hüpft der Floh über. Dann wird derjenige, der den Einwand wagte, zum Gegner: Er wird abgestempelt als jemand, dem es an Gründlichkeit mangelt, der Entscheidungen auf die leichte Schulter nimmt.

Mit diesem kleinen Krieg 1999 kam bei einer großen Zahl Deutscher das Unerledigte des großen Krieges zum Ausbruch. Es wurde also virulent, was Menschen über Jahrzehnte recht gut unter Kontrolle halten konnten: ihre eigenen Leiden durch den Zweiten Weltkrieg, und - nicht selten - deren lebenslange Folgen, auch für spätere Generationen. In Familien, aber auch in Gremien, deren Mitglieder sich vorher nie wirklich ausgetauscht hatten über ihre Kriegserlebnisse, kam es deshalb zu Verwirrung und Mißverständnissen. Denn wenn Angst und Panik untergründig wirken, kann man einander nicht mehr zuhören. Da wird der Gegner schnell zum Feind - manchmal sogar der eigene Sohn. Für einen Menschen, der jahrelang jede Nacht in den Luftschutzkeller hinabstieg, ist es vermutlich nur schwer erträglich, wenn jemand in seiner Gegenwart Bombenabwürfe begrüßt. Wer sich mit den Vertriebenen im Kosovo identifiziert, hat womöglich ohnmächtige Wut gespürt, wenn jemand die Nato-Angriffe verdammte.

Ein Tabu ist erschüttert worden. Der Kosovo-Krieg rührte an schlecht vernarbte seelische Kriegsverletzungen, über die in deutschen Familien kaum gesprochen wurde.


Schlußbemerkung:

Was sollen die alten Geschichten? Was könnte der Gewinn sein, wenn wir uns heute noch damit befassen? Mit einem Wort: Verständnis. Weniger Mißverständnisse. In den Familien, in der Politik. Ein günstigeres Klima zwischen den Generationen und auch zwischen den Nationen. Hilfe für Menschen, deren Kriegstrauma reaktiviert wurde. Und ein bißchen Trost für diejenigen , die nie über ihr Schicksal klagen durften.