Der Streit um das Mahnmal für die Vertriebenen, sei es in Berlin oder sonst wo, belegt, wie
schwierig der zweite Teil deutscher „Vergangenheitsbewältigung“ ist, wenn sie als
deutsche
Vergangenheitsbewältigung inszeniert wird.
Beim ersten Teil ging es um Erkenntnis und Anerkenntnis von Verbrechen in deutschem Namen und durch Deutsche, und damit um die Übernahme der Verantwortung durch den Staat und die Staatsbürger in der Rechtsnachfolge des Dritten Reichs. Es ging um den lan-gen Weg zurück in die Gemeinschaft der zivilisierten Nationen. Erschwert war er durch die Täterschaft oder Mitläuferschaft eines Teils der Deutschen und durch die Verweigerung der Verantwortungsübernahme auch durch einen Teil der Nachgeborenen. Was bei beiden Gruppen schwerer gewogen hat, entzieht sich der trennscharfen Beurteilung: War es die Scham, der man sich nicht stellen wollte oder waren es ganz schnöde die Kosten für „Wie-dergutmachung“?
Dennoch: Deutschland ist einen Weg gegangen, den andere Nationen mit beschämenden Phasen in ihrer Geschichte bis heute noch nicht angetreten haben. Einschränkend ist zu sagen, dass auf diesem Weg einige Opfergruppen am Rande liegen geblieben sind. Wer keine pressure-group hinter sich hatte, keine Sympathisanten mit Einfluss auf die Medien, der wartet zum Teil noch heute auf die Anerkennung des erlittenen Unrechts. Es gibt also durchaus noch einiges zu tun für den ersten Teil deutscher Vergangenheitsbewältigung.
Doch das kann kein hinreichender Grund sein, nicht mit dem zweiten Teil zu beginnen. Hier geht es um die Leiden – vornehmlich – der Zivilbevölkerung, um Vertreibung, Vergewalti-gung und Bombenkrieg. Eine solche Vergangenheitsbewältigung stößt auf verschiedenerlei Widerstand. Es geht dabei um den Verdacht, hier solle Unrecht gegen Unrecht aufgerechnet werden, es geht um die Furcht vor Wiedergutmachungsforderungen bis hin zur Angst, die Landkarte Europas solle revidiert werden.
Darum darf es nicht allein ein deutscher Weg der Vergangenheitsbewältigung sein. Ein Blick auf die Geschichte Europas zeigt, dass sie über weite Strecken sehr blutig gewesen ist, wenn auch das deutsche Kapitel im 20. Jahrhundert einen besonderen Kulminationspunkt darstellt. Wenn Europa zusammenwachsen soll und zusammenwachsen will, müssen wir gemeinsam und nicht gegeneinander diese ganze Geschichte ins Auge fassen. Davon han-delt dieser Tagungsband.
| INHALTSVERZEICHNIS | Seite | |
| Dierk Schäfer | Damit Europa blühe … Licht auf die Schatten der Vergangenheit | 7 |
| Prof. Dr. Hartmut Radebold | Transgenerationelle Weitergabe traumatischer Erfahrungen – dargestellt am Beispiel der Kriegskinder des zweiten Weltkrieges | 11 |
| Dr. Gisela Perren-Klingler | Trauma und Neubeginn | 23 |
| Frank Weber | Damit die Seele Ruhe finde vor dem Ende Kriegserfahrungen und Seelsorge | 35 |
| Christoph Heuer | Wenn Sprache versagt, geht’s dann vielleicht mit Bildern? | 57 |
| Dr. Heinz Nawratil | Das Schwarzbuch der Vertreibung – die Geschichte eines Themas | 73 |
| Stefan Wolle | „Die Russen kommen!“ Kollektive und individuelle Erinnerungen an den Einmarsch der Roten Armee im Jahre 1945 | 87 |
| Dr. habil. Witold Stankowski | Gemeinsame Lagerschicksale Polen und Deutsche unter totalitären Staatssystemen … aus der Sicht eines polnischen Historikers | 101 |
| Dr. Gustav Bekker | Gemeinsame Lagerschicksale Polen und Deutsche unter totalitären Staatssystemen … aus der Sicht eines deutschen Zeitzeugen | 119 |
| Dr. Thomas Thun | Die ausgeblendete Vergangenheit - – ein tschechisches oder ein europäisches Problem | 131 |
| Hans-Joachim Lenz | Da werden Männer zu Hyänen – aber warum? | 155 |
| Dr. Robert Maier | Die Waffen nieder! Die Aufgabe internationaler Schulbuch- Kommissionen für Vergangenheit und Zukunft | 179 |
| Dr. Hubert Schneider | Nationale Kulturen und europäische Identität. Gegenwart und Vergangenheit der deutsch- Polnischen Beziehungen. Ein Bericht aus der Praxis | 195 |
| Prof. Dr. Bernhard Giesen | Europäische Identität und transnationale Öffentlichkeit. Eine historische Perspektive | 205 |
| Workshop-Beiträge | ||
| Dr. Helga Spranger | Überlegungen zu Trauma, Traumaverarbeitung und deren transgenerationale Folgen; dazu einige neue Forschungsergebnisse | 229 |
| Dr. Herta Betzendahl | Psychotherapie lange zurückliegender Traumen | 251 |
| Johannes Kube | Wunden traumatischer „Erinnerung“: Keine alltägliche Problemskizze aus der kultur-bezogenen Arbeit mit einem kriegstraumatisch betroffenen Studenten aus Afrika | 271 |
| Anhang | ||
| Nikko Schott | Zum Abschied | 289 |
| Programm der Tagung | ||
| Programm des Workshops | ||