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Über die Arbeitsgruppe „Kriegskinder einst und jetzt“ als Vorläufer des Vereins kriegskind.de

Vom 17. – 19. April 2000 fand in der Evangelischen Akademie Bad Boll eine überkonfessionelle, internationale Tagung statt unter dem Thema: „Kriegskinder - gestern und heute”.

Im Tagungsverlauf wurde das Ausmaß seelischer und körperlicher Kriegsschäden auf unterschiedlichen Ebenen sichtbar. Das sich daraus ergebende Gesamtbild hinterließ bei allen Teilnehmern einen tiefen Eindruck und große innere Bewegung.

In den Beiträgen und Gesprächen wurde deutlich, dass von 1939 an bis heute bei Kriegsgeschehen ähnliches Leiden bei der eigenen wie auf der Gegnerseite, an den Fronten wie bei der Zivilbevölkerung festzustellen ist.

Wissenschaft und Politik haben sich bis vor einiger Zeit vorwiegend mit den Betroffenen des Holocaust und deren Nachkommen in der 2. und 3. Generation beschäftigt.

Lange unbeachtet blieben dagegen die Folgen von Bombenangriffen, Verschüttungen, Vergewaltigungen, des Elends bei Flüchtlingstrecks und in Auffanglagern.

Zum Teil tauchten die Beschreibungen der Folgen nur in Veröffentlichungen der soziologischen und psychotherapeutischen Fachzeitschriften auf in Themen über: Trümmerfrauen, Schlüsselkinder, Frühehen, Sucht - und Verwahrlosungstendenzen, Steigerung der Scheidungsraten, Zunahme der Frühinvalidität bei Männern und Frauen, Zunahme der Aggressivität in der 2. und dritten Generation durch transgenerationale Weiterleitung nicht bearbeiteter Traumen.

Öffentlichkeit und Politik registrierten zwar die negativen sozialen Erscheinungen, fanden aber selten einen Zugang zu den tieferen Zusammenhängen. Sie hatten diese entweder nicht deutlich genug verstanden oder ignoriert, da ihnen die Mittel fehlten, die Not zu lindern.

Die deutschen Wissenschaftler haben - auf dem Hintergrund der Scham, dem Tätervolk anzugehören - ihre Forschungsarbeiten fast ausschließlich den Holocaust-Opfern gewidmet, es sei denn, sie konnten ihre innere Abwehr gegen die Auseinandersetzung mit dem eigenen Schicksal überwinden.

Völlig unbeachtet blieben während der Jahrzehnte, die dem Kriegsende und dem sog. deutschen "Wirtschaftswunder" folgten, jene Männer und Frauen der 1. Generation, die nun, im Alter, durch die kriegerischen Auseinandersetzungen im Balkan eine Wiederbelebung eigener traumatischer Erfahrungen erlitten.

Es wurden auf der Tagung in Bad Boll daher Überlegungen angestellt, wie
  1. diese Zusammenhänge öffentlich gemacht werden können, damit die Spätfolgen des Krieges in der deutschen Gesellschaft und in deutschen Familien nicht länger ignoriert werden bzw. Schaden anrichten können.
  2. ursachengerechte, differenzierte diagnostische Zuordnung atypischer Retraumatisierungserscheinungen bei älteren Menschen erreicht werden können anstelle rein sedierender, unspezifischer Behandlung von sogenannten "Alters- Störungen,"
  3. den betroffenen Menschen adäquate therapeutische Hilfe und Unterstützung zuteil wird, auch in Form von Psychotherapie über das 58. Lebensjahr hinaus, da das Aussprechen und Erkennen der Zusammenhänge klärend und entängstigend im Sinne der "Linderung der Beschwerden" wirkt.
  4. durch den Zugang zum eigenen Leiden an Trauer und Schuld, in der Opfer -wie in der Täterschaft, der politische Prozess des Wiedergutmachens sich erstmals wirklich ereignen kann.
Aus den Teilnehmern dieser Tagung bildete sich spontan eine Arbeitsgruppe, die es sich zur Aufgabe machte, an diesem Themenkreis national und international weiterarbeiten. Die Arbeitsgruppe bekundete ausdrücklich ihre Offenheit für persönliche Beiträge zu den Arbeitsthemen und für die Unterstützung dieser Initiative von außen.

Außerdem wurde auf dieser Tagung eine Resolution zum Inhalt der Tagungsarbeit verfasst, die wir im folgenden im Wortlaut wiedergeben:

Bad Boll / Kreis Göppingen - Auf der Fachtagung "Kriegskinder - gestern und heute" in der Evangelischen Akademie Bad Boll verabschiedeten die Teilnehmenden heute (19.4.2000) einstimmig folgende Erklärung:

Eine bislang unbekannte Zahl von Deutschen, die im 2. Weltkrieg Kinder waren, leidet an plötzlich aufbrechenden Spätfolgen dieses Krieges. Es sind Kriegskinder, die ungewöhnlich schweres Leid auf der Flucht oder bei Bombenangriffen durchgemacht haben und bis heute keine echte Chance bekommen haben, diese Traumatisierungen aufzuarbeiten.

Bei Eintritt in den Ruhestand, Krankheit oder Verlusten von engen Angehörigen bricht diese durch das Berufsleben in Schach gehaltene seelische Problematik häufig mit aller Schärfe hervor. Bei einer Tagung in der Evangelischen Akademie Bad Boll vom 17. Bis 19. April 2000 haben Betroffene und Fachleute aus dem ärztlichen und therapeutischen Bereich, der heutigen Flüchtlingshilfe und der Seniorenarbeit die Lage dieses Bevölkerungsteils analysiert, die Frage erörtert, wie Kriegsleid den weiteren Lebensweg dieser Generation beeinflusst hat und folgende dringliche Forderungen an Politik, Kirchen und Verbände verabschiedet:

Kirchen und andere gesellschaftliche Gruppen sollten den Problemen dieser "unauffälligen Generation" eine öffentliche Stimme geben und entsprechende Schwerpunkte in ihrer Arbeit setzen.

In der Gesundheitspolitik sollten folgende neue Weichenstellungen erfolgen:

Krankenkassen und Sozialversicherungsträger sollten auch über das 58. Lebensjahr hinaus für diesen Personenkreis großzügig Leistungen gewähren und angemessene Therapien gewährleisten.

In der ärztlichen Fortbildung sollte Wissen über die Spätfolgen von Kriegstraumata verstärkt vermittelt werden.

Ein interdisziplinäres Projekt, welches das Lebensschicksal dieser Generation erforscht, sollte initiiert und dauerhaft gefördert werden.

Für in den Krieg hineingeborene Mädchen, die ähnlich wie ihre Mütter (die Generation der Trümmerfrauen) aufgrund von Kindererziehung in der Nachkriegszeit den beruflichen Anschluss verloren haben, sind Sonderregelungen und finanzieller Ausgleich in der Rentenversicherung zu schaffen.

Die Bundesregierung wird aufgefordert, bei der russischen Regierung auf die Öffnungen von Archiven zu dringen, die einer unbekannten Zahl von Kriegswaisen ihre wirkliche Identität zurückgeben würde. Diese saßen bei Kriegsende in von Russen eingerichteten Waisenhäusern in Ostpreußen und sind ohne Papiere oder mit lückenhaften Papieren in die DDR und BRD gekommen.

Bad Boll, 19. April, 2000
Für die Tagungsteilnehmer:
Dierk Schäfer, Tagungsleiter

Resolution an:
Bundesregierung z. Hd. Außenminister Fischer,
Bundesregierung z. Hd. Gesundheitsministerin Fischer,
Evangelische Kirche in Deutschland,
Katholische Deutsche Bischofskonferenz,
Bund der Vertriebenen.
Aus der Arbeitsgruppe „kriegskind.de” ging 2003 der eingetragene Verein kriegskind.de hervor.

Im folgenden finden Sie einen Auszug aus unserer Satzung, aus der sich die bisherigen und zukünftigen Schwerpunkte der Vereinsarbeit ableiten lassen.

Wir haben unsere Initiativen zwischenzeitlich aktiv eingebracht in die interdisziplinäre deutsche Forschungsgruppe w2k, die sich mit den Auswirkungen von Traumatisierungen der Kriegskinder des 2. Weltkriegs befasst.

Es bestehen regelmäßige Arbeitskontakte zu Finnland, Schweden, Norwegen, den Niederlanden, England und Amerika.

Außerdem ist der Verein Mitglied der INTERFEW (International Federation of Evacuees and War Children).

Wir sind assoziiert mit dem „Förderverein Kriegskinder für den Frieden“, „Research Centre for Evacuee and War Child Studies“ an der Universität Reading/UK und kooperieren mit der „Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie, Psychiatrische Klinik der LMU München“.

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