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Klaus Naumann: Deutsche Kriegsbilder am Ende der Nachkriegszeit

Konferenz "Schuld und Sühne? Kriegserlebnis und Kriegsdeutung in den deutschen Medien der Nachkriegszeit (1945 – 1961)", Berlin 1. – 4. September 1999

Die neunziger Jahre, ein nervöses Jahrzehnt

Deutsche Kriegsbilder am Ende der Nachkriegszeit

Von Klaus Naumann, Hamburger Institut für Sozialforschung

Die Geschichte der sog. alten Bundesrepublik wird oft als Erfolgs- und Stabilitätsgeschichte gelesen, und gewiß deutet sich in der unübersehbaren Popularität dieser Sichtweise ein symptomatisches Lebensgefühl der Nachkriegsgeschichte an. Doch allzuleicht gerät damit etwas ganz Entscheidendes aus dem Blick. Der Bonner Historiker Hans-Peter Schwarz hat zu recht darauf aufmerksam gemacht, daß die Geschichte der Bundesrepublik auch als die "Geschichte einer ausgebliebenen Katastrophe"1 verstanden werden müsse. Diese Seite der Geschichte ist meines Wissens noch nicht geschrieben worden, und es ist offensichtlich schwierig, sie in Worte zu kleiden, denn sie handelt vom Ausbleiben des Erwarteten und beschreibt damit eine Art imaginärer oder auch Imaginationsgeschichte. Wo wären die Quellen dieser Geschichte zu finden? – Ich glaube, daß die vielfältige Kriegsliteratur einen Zugang zu diesem Aspekt gewährt, aber ich denke, daß dieser Zugang ebensosehr über eine Geschichte der bundesdeutschen Ängste – und nicht zuletzt der Kriegsängste - gefunden werden kann. Denn die Nachkriegsgeschichte war – ist? – nicht allein eine Geschichte von Verdrängung, Verleugnung oder "zweiter Schuld"; sie war/ist immer auch eine Angstgeschichte2, und als solche steht sie im Schatten des zurückliegenden Krieges, bewahrt dessen changierende Bilder im kollektiven Gedächtnis. Der Vorrat dieser Bilder scheint bislang nicht aufgebraucht; im Gegenteil, eine jede Kriegskrise der zurückliegenden Jahrzehnte, geschweige denn jeder Ausbruch von Kriegshandlungen auf dem europäischen Kontinent, hat diese Bilder aufs Neue in den öffentlichen Diskurs katapultiert. In diesen Vorgängen hat sich ein eigentümliches Verhältnis von zunehmender zeitlicher Distanz zum historischen Geschehen und einer gleichwohl nicht abnehmenden (eher zunehmenden!) Intensität aktueller Auseinandersetzungen mit diesen Kriegsbildern hergestellt; ein geradezu proportionales Verhältnis von Distanz und Intensität, das im großen und ganzen den Verlaufsformen der bundesdeutschen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit entspricht3.

Die 90er Jahre können als Testfall dieser Beobachtung gelten. Wie in keinem anderen Jahrzehnt zuvor haben sich in den neunziger Jahren die Blickwinkel verändert und haben veränderte Haltungen entweder provoziert oder fast unmerklich eingeschliffen. Anhand von drei Beobachtungen sollen im folgenden die davon ausgehenden Rückwirkungen auf die Kriegsbilder – die Bilder vom Zweiten Weltkrieg - illustriert werden.

Die Rückblicke auf den Zweiten Weltkrieg, die dieses Jahrzehnt immer wieder begleitet haben, erfolgten zumeist aus dem Empfinden, am "Ende" der Nachkriegszeit zu stehen. Schon dieses Gefühl war geeignet, ambivalente Stimmungen freizusetzen - denn was war die Signatur der deutschen Nachkriegszeit, und was würde nun an ihre Stelle treten und Geltung beanspruchen dürfen? Nicht weniger zwiespältig war – zweitens - die Erfahrung, aus den Bedingungen und Loyalitäten des Kalten Krieges, der Blockkonfrontation und der akuten atomaren Bedrohung herausgetreten zu sein. So groß die Erleichterung und so hoch die Erwartungen im Übergang zu den 90er Jahren auch waren, sie fanden sich rasch konfrontiert mit der Rückkehr des Kriegs nach Europa - und zwar nicht in Gestalt der jahrzehntelang gefürchteten großen Apokalypse, sondern als Auftreten kleiner, schmutziger, ebenso unübersichtlicher wie unabsehbarer Kriege, die Stellungnahmen herausforderten. Der Rückgriff auf die Bilderwelten des Weltkriegs und der NS-Zeit war eine automatische Folge dieser Konfrontation. Zum dritten war nicht zu übersehen, daß die Produktion von Kriegsbildern nicht allein unter verwandelten Umweltbedingungen geschah, sondern zugleich einem Generationswechsel unterlag, der sich seit Ende der 80er Jahre rapide vollzogen hatte. Um die Literatur ins Spiel zu bringen, neben die letzten Zeitgenossen, die – wie Dieter Wellershoff (‚Der Ernstfall‘, 1995) oder jüngst Jürgen Becker (‚Aus der Geschichte der Trennungen‘, 1999) – ihre Kriegserfahrung literarisch gestalteten, traten nun schon die Kinder der Bundesrepublik – jene, die nicht nur nicht mehr "dabeigewesen" waren, sondern auch schon nicht mehr zum Kern der 68er Generation gehörten. Welche Kriegsbilder drängten sich jenen auf, die auf eine ganzes Ensemble von Haltungen und Gestaltungen aus der nun abgeschlossenen Geschichte der alten Bundesrepublik zurückblicken konnten? – Den drei hier angesprochenen Fragestellungen möchte ich nun anhand von dreierlei Materialien – der Historiographie, der Publizistik und der Literatur - nachgehen, um damit einige Kriegsbilder eines nervösen Jahrzehnts einzufangen.

II.

Das Empfinden, am Ende der Nachkriegszeit zu stehen, ist an sich keine neue Erfahrung der 90er Jahre. Immer wieder wurden "Enden" der auf den Krieg folgenden Ära von der Politik verkündet oder sind von der Historiographie notiert worden4. Aus der Summe der Daten nenne ich die als Zäsuren empfundenen Jahre 1948/49, 1955, 1965, 1968 oder 1989/90. Interessanter als die Daten im einzelnen mag das Lebens- oder Zeitgefühl sein, das dahinter stand. Offenbar mühte sich da eine Gesellschaft, aus dem Stadium des "Danach" herauszutreten, um in irgendeinem definitiven, jedenfalls aber konsolidierten Zustand anzukommen. Das ist denn auch tatsächlich der Grundton einer ganzen Reihe affirmativer Begriffe der Nachkriegszeit gewesen, die allesamt darauf abstellten, eine Ausnahmephase abzuschließen, die Kriegsfolgen zu bereinigen oder den Anschluß an die sich "modernisierende" Umwelt zu finden. Daneben gab es einen kritischen oder Protestbegriff vom Nachkrieg, der dessen kritisch beargwöhntes Ende mit einem schlimmstenfalls katastrophalen Mißlingen verband – dann nämlich, wenn sich am Ende des "Restaurationsprozesses" herausstellen sollte, daß man wieder beim Status quo ante angekommen war und sich also die Nachkriegszeit unter der Hand in eine Vorkriegszeit verwandelt hatte. Dieser Protestbegriff vom Nachkrieg ist bekanntlich nicht nur einflußreich, sondern auch langlebig gewesen. Im Klima des Kalten Kriegs verband er sich mit Rüstungskritik und Friedensbewegungen, um sich zu apokalyptischen Visionen vom drohenden Atomkrieg, von Erstschlagskalkülen und Sternenkrieg zu (über-)steigern.

Mit den affirmativen wie mit dem Protestbegriff des Nachkriegs korrespondierten – in typisierender Vereinfachung – unterschiedliche Kriegsbilder. Stellten die einen auf den - fraglos schrecklichen - Ausnahmecharakter des Kriegs ab und sorgten sich um dessen sozialverträgliche Bewältigung, rückten die anderen jene Seiten den Krieges in den Vordergrund, die zur bleibenden Anklage taugten. Diese wiederum erwiesen sich als anschlußfähig für die Skizzierung kommender Katastrophen eines Dritten Weltkriegs, dessen Ausbruch – mit plausiblen Gründen – bei jedem auch noch so begrenzten Konflikt der Supermächte befürchtet wurde. Ich möchte dabei betonen, daß sich die hier polar skizzierten Begriffe vom Nachkrieg und die ihnen entsprechenden Kriegsbilder in der öffentlichen Debatte und im öffentlichen Empfinden keineswegs ausschlossen, sondern vielmehr zwei Seiten einer grundlegenden Ambivalenz repräsentierten: den Wunsch, den Krieg hinter sich zu lassen, und die tiefsitzenden Erinnerungen an seine Schrecken. Vermutlich ist es dieses Ambivalenzgefühl, das über fünfzig Jahre hinweg immer neue Daten für das Ende der Nachkriegszeit anregte.

Sofort mit Eintritt in die 90er Jahre, nach der deutschen Vereinigung, meldeten sich Sprecher beider Perspektiven zu Wort. Sahen die einen in der staatlichen Einheit Deutschlands den Eintritt in eine lang entbehrte und zäh errungene "Normalität", die die Nachkriegsära nun definitiv zum Abschluß gebracht habe, warnten die anderen vor einem Rückfall in deutschen Traditionalismus, in Machtallüren und Kriegsbereitschaft. In den Debatten über die drei Kriege der 90er Jahre – den Golfkrieg (1991), den Bosnienkrieg (1995) und den Kosovokrieg (1999) - stießen beide "Lager" mit Vehemenz aufeinander. Galt den einen die Konfliktlagen bzw. Einsatzszenarien mitunter kaum der Bezeichnung ‚Krieg‘ würdig, argwöhnten die anderen, gleichsam im Nachklang von Visionen aus den 80er Jahre, eine bevorstehende Entgrenzung der Konflikte zu Atom- und Vernichtungskriegen.

In Umrissen zeichnete sich – mit Anleihen auf beiden Seiten - eine dritte Position ab, die nun tatsächlich darauf hinzudeuten schien, daß dieses "Ende" der Nachkriegszeit anders war als die anderen. Immerhin war mit dem Ende der Blockkonfrontation und der deutschen Teilung ein grundlegender Gestaltwandel der Nachkriegsordnung eingetreten, und in den nun folgenden kriegerischen Konflikten traten Motive und Konstellationen auf, die man – wenigstens in Europa – längst überwunden zu haben glaubte5. Die Zeit schien rückwärts zu laufen, historische Räume öffneten sich aufs neue, vermeintlich archaische Konstellationen prallten aufeinander, alte Loyalitäten gerieten ins Wanken, Sprachregelungen zerfielen und lang gehegte (oder umkämpfte) Tabus erwiesen sich auf einmal als gegenstandslos oder zumindest überfällig. Was die Retrospektive auf den Zweiten Weltkrieg betraf, so kamen damit zwei – bislang offene - Entwicklungen zum Zuge. Zum einen erwiesen sich die bis dahin verbindlichen Konsequenzen auf dem Krieg, seine "Lehren", als überprüfungs- und revisionsbedürftig; zum anderen drängten angesichts regionalen Krisendramatik – Experimentierfeld Balkan, der Ort eines "europäischen Déjà-vu" (Karl Schlögel) - historische Aspekte und Seiten des Weltkriegs, seiner verschiedenen europäischen Frontverläufe in den Vordergrund, die bisher vom bi- oder tripolaren Großgegensatz eines säkularen Waffenganges überdeckt gewesen waren. Es könnte sein, möchte ich andeuten, daß der Zweite Weltkrieg damit neuerlich zu einem Rätsel, zum unbekannten Kontinent der Erinnerungen, geworden ist.

III.

Das Kriegsgeschehen der 90er Jahre aktivierte vielfältige Imaginationen vom Zweiten Weltkrieg, so daß es schwer fällt, hierin eine Ordnung oder gar Entwicklung zu erkennen. Dennoch sei ein Versuch gewagt. – Zweifellos war die unerhörte Begebenheit der deutschen Einheit, die in historischen Vergegenwärtigungen instinktiv auf das Gegendatum 1945 (mit dem synchronen Scheitern von Regime und Reich) bezogen wurde, dazu angetan, Retrospektiven zu mobilisieren. Das geschah bereits in den Intellektuellendebatten der ersten Wendejahre, aber erst der zweite Golfkrieg von 1991 scheint die affektiven Schranken der Erinnerung vollends eingerissen und die historisch-symbolischen Kapazitäten überfordert zu haben, obwohl Deutschland hier noch nicht einmal als kriegführende Macht in Erscheinung getreten war6. Auch die beiden folgenden Kriege bzw. Militäraktionen von 1995 und 1999 bezogen ein Gutteil an Legitimation und Argumentation aus Rückbezügen auf die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg. Der beträchtliche historische – und das hieß in diesem Kontext: antifaschistische bzw. moralische – Begründungsaufwand signalisierte, daß sich unversehens eine erinnerungspolitische Zwickmühle aufgetan hatte. Denn historische Bilder, kollektive Erfahrungen oder umstandslos verwendbare Haltungen, die einem "guten Krieg" angemessen waren, existierten nicht, und auch für eine aktive Kriegsbeteiligung auf der "richtigen Seite" gab es keinerlei eigenes Repertoire. Kein Wunder, daß Wiederholungsgefühle, reflexhafte Bilder und überanstrengte Analogien die Szene prägten.

Auffällig an diesen sich wiederholenden Debatten war eine Zweiteilung, die an die "gespaltene Erinnerung"7 deutsche Diskurse über die NS-Vergangenheit erinnerte. Während die Deckworte "Hitler" oder "Auschwitz" die politisch-intellektuellen Rückbezüge auf den Krieg bestimmten, konzentrierten sich im privaten, halböffentlichen Raum die identifikationsstiftenden Kriegsbilder auf Szenen des Bombenkriegs sowie der Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem Osten Europas8. - In diesem Diskursfeld zeichneten sich vier Motivgruppen von Kriegsbildern ab, die im folgenden knapp skizziert werden sollen.

Atomkrieg

Am Anfang waren nicht "Auschwitz" oder "Hitler". Die Golfkriegsdebatten zeigten vielmehr, wie sehr die Rückbezüge auf den Zweiten Weltkrieg am Beginn der 90er Jahre von Imaginationen und Ängsten des Kalten Krieges überdeckt wurden. Formulierungen wie "Deutschland im Fadenkreuz" (Rudolf Augstein) oder "Die Bedrohung ist überall" (Bild-Zeitung) signalisierten nicht allein eine eminente Selbstbezogenheit; sie zeigten zudem, daß dieser immerhin ziemlich ferne Konflikt automatisch als potentieller Eskalationsherd verstanden und gleichsam mit den Visionen eines atomaren Weltbrandes bebildert wurde. Mit der Intensität dieser Suggestionen vermochte der Verweis auf den irakischen "Gaskrieg" gegen Israel nicht mitzuhalten. Krieg im Schatten der Bombe, so konnte man die Hinterlassenschaft der Blockkonfrontation deuten, war zu einer übermächtigen, allegorischen, abstrakten und damit omnipräsenten Unheilsgestalt geworden, die auf Abruf bereitstand, mit historischen Bildern illustriert zu werden9. Solche fanden sich in der Gleichung "Bagdad = Dresden", und diese stiftete wiederum das Scharnier, um die apokalyptischen Visionen in geläufigere Kriegsszenen zu übertragen.

Auschwitz

Das vom Atomkrieg inspirierte Schreckensbild wurde im Zuge der drei Kriege von einer zweiten apokalyptischen, und das hieß nun von einer hochmoralischen Metaphorik abgelöst – von "Auschwitz". Dabei kam es zu einer entscheidenden Affektenkollision10, die den historischen Argumentationshaushalt des Kalten Kriegs überforderte. Denn der Verweis auf "Auschwitz" – und der damit intendierte Hinweis auf Völkermord und Menschenrechtsverletzungen großen Stils – diente im politisch-intellektuellen Mehrheitsdiskurs der Begründung einer deutschen Beteiligung an Militäraktionen. Die unter den Bedingungen des atomaren Patts plausible und fraglos universell gültige Gleichung, die besagte, "Nie wieder Auschwitz!" bedeute auch "Nie wieder Krieg!" hatte sich aufgelöst; sie wurde selbst historisiert. "Auschwitz" – samt angelagerter Stichworte (Selektion, KZ usw.) - avancierte zur begründenden Metapher eines "guten Kriegs". In der überhitzten Konjunktur der kaum ein Jahrzehnt zuvor noch tabuisierten Analogieschlüsse deutete sich damit ein problematisches Kapitel des deutschen "Bildungsromans" (Frank Schirrmacher) der neunziger Jahre an. Das zum politisch-historischen Argument promovierte Signalwort des Holocaust transportierte den – zumindest impliziten – Anspruch einer exklusiven Moralität, den man durchaus als verdeckte Fortsetzung eines deutschen Sonderbewußtseins verstehen kann. Damit aber verwandelte sich ein im Namen von "Auschwitz" geführter Krieg in eine Art deutscher Reinigungshandlung – eine abschließende Geste, die Michael Blumenthal, Direktor des Berliner Jüdischen Museums, vermutlich dazu veranlaßte, von einem "Altweibersommer des Holocaust-Bewußtseins" zu sprechen (FAZ, 26.4.1999). Und schließlich riskierte die Analogie mit dem Extremfall, die eine ganze Reihe von Bildern ("Hitler = Saddam", Milosevic der "Schlächter") nach sich zog, die Gebote politischer Flexibilität und Pragmatik aufs Spiel zu setzen.

Bombenkrieg

Für einen Großteil der deutschen Öffentlichkeit, so muß man annehmen, bedeutete Krieg weder "Auschwitz" noch "Atomkrieg"; vielmehr wurde er mit den Erfahrungen und den Opfern des Bombenkriegs assoziiert. Es war bezeichnend, daß das auslösende Moment öffentlicher Aufmerksamkeit in allen drei Kriegen mit dem Beginn der Bombenflüge zusammenfiel, obgleich in allen diesen Konflikten bereits eine Reihe von Aggressionshandlungen vorausgegangen waren. Mobilisierend wirkten erst die Bilder der Zerstörung und der Bombenopfer. Sie boten eine Projektionsfläche für Rückbezüge auf die alliierten Städtebombardierungen des Zweiten Weltkriegs. Dabei blieb freilich unklar, ob sich die Deutschen vor allem in der Rolle von Opfern wiedererkannten oder ob sie sich auch mit dem problematischen Verhalten einer Volksgemeinschaft von Durchhaltern zu identifizieren vermochten11. Wie auch immer, mit diesen Verweisen geriet insbesondere die aktuelle amerikanische Strategie der Luftkriegführung unter Generalverdacht: "Erstmals seit 45 Jahren laden wieder angloamerikanische Bombengeschwader ihre tödliche Last ab." (Neues Deutschland, 22.1.1991) Oder Eugen Drewermann: "Wir wissen, wie ein amerikanischer endgültiger Sieg aussieht. Er sieht aus wie in Hamburg, wie Dresden und wie Köln und Paderborn 1945."12 Die Bilder des Bombenkriegs provozierten scheinbar gegenläufige, in der Substanz freilich verwandte Affekte. Während die einen mit Hinweis auf des historischen Bombenkrieg eine besondere Befähigung zum aktuellen politischen Urteil anmeldeten ("Wir wissen, was Krieg ist", Henning Voscherau 1991), ergingen sich andere in komplementären Formulierungen einer martialischen Bomben-Pädagogik. Durs Grünbein: "(D)ie Bombe (kann) ein Erziehungsmittel sein, wie wir aus Deutschland wissen. Dort wurde einer sagenhaft starrsinnigen Bevölkerung ... der Nationalismus wie ein fauler Zahn gezogen. So war Dresden, nach der Logik der Erzengel, der Preis für Auschwitz."13 - Da wurde deutlich, wie hart die Deckbilder vom "guten Krieg" mit jenen des Bombenkriegs konkurrierten.

Flucht und Vertreibung

Wie sich die Deutschen in den Bildern der Bombenangriffe vornehmlich als Opfer wiedererkannten und damit emotional gegen die Kriege eingestimmt wurden, so weckten auch die jüngsten Szenen kosovo-albanischer Vertreibung private Erinnerungen an die Leidensgeschichte der deutschen Trecks von 1945/46. Die Konsequenz war freilich gegenteilig – der Kosovokrieg mußte hier als gerechtfertigt erscheinen. Mehr noch, die alliierte Intervention erschien als später Akt einer symbolischen "Wiedergutmachung" an den deutschen Vertreibungsopfern, wurde hier doch dem "Recht auf Heimat" mit Waffengewalt zur Geltung verholfen14. Wenn auch zunächst nur zögernd15 hatte sich damit Ende der 90er Jahre die deutsche Vertreibung aus dem exklusiven Kontext der NS-Vergangenheit herausgelöst16. Sie konnte nun nicht mehr allein als Akt einer ausgleichenden Rachetragödie erzählt werden, in der Unrecht und Unrecht einander aufgewogen hatten. Jetzt wurde sie entweder zum skandalösen "Modell" nachfolgender "ethnischer Säuberungen" erklärt – oder sie wurde zum Gegenstand einer ausgreifenden ironischen Erzählung vom andauernden Versagen Europas vor der ethno-politischen Tücken des Nationalstaatsprinzips17. – War hier wieder einmal ein "letztes Tabu" (FAZ, 29.4.1999) gefallen? Wohl nicht ganz, denn mit dem moralischen Begründungspathos von "Auschwitz" konnte der doch ziemlich plausible Hinweis auf die deutschen Erfahrungen mit "ethnischen Säuberungen" nicht gleichziehen.

Kann man in dieser Bilderflut eine Ordnung oder gar eine Symptomatik erkennen? Alle Kriegsbilder laborierten – verglichen mit den 80er Jahren – an "Tabubrüchen"; die einen, indem sie das sog. Vergleichsverbot der Historikerdebatte außer kraft setzten; die anderen, indem sie Themen anschnitten, denen in der deutschen Öffentlichkeit bislang nur geringe Repräsentanz zugestanden worden war. Untereinander befanden sich diese Kriegsbilder in scharfer Konkurrenz, nicht allein hinsichtlich der aus ihnen abgeleiteten Handlungsoptionen, sondern auch hinsichtlich ihrer Repräsentanz im kollektiven Gedächtnis. Eine Art Erinnerungsdilemma zeichnete sich ab. Sofern man deutsche Kriegsbeteiligungen mit "Auschwitz" begründen wollte, fehlte dafür ein Platz im kollektiven Gedächtnis, während die populären Bilder des Bombenkriegs gegen jegliche Intervention zu sprechen schienen. Die gegensätzlichen Handlungsoptionen sorgten für eine Rhetorik des Überbietens, deren Preis eine Moralisierung der politischen Argumentationen war. Den Krieg denken, das weckte Erinnerungen an Opfer, die "nie wieder" sein sollten, an Täter, deren Platz man "nie wieder" einnehmen wollte, und an Unterlassungen oder Komplizenschaften, derer man "nie wieder" bezichtigt werden wollte. Für die Paradoxien des Krieges - auch jene des "guten Krieges" – ließen die Kriegsbilder der 90er Jahre wenig Raum18. Deutschland hatte drei rhetorische "Stellvertreterkriege" geführt, deren Schlachtfelder noch im Zweiten Weltkrieg lagen.

IV.

Auf die Kriege der 90er Jahre haben Schriftsteller wohl publizistisch reagiert, die deutsche Literatur freilich – mit Ausnahme von Peter Handke, soweit ich sehe – noch nicht. Gleichwohl lassen sich die Umbrüche und Perspektivwechsel dieses Jahrzehnts, das eigenartige Verhältnis von Distanz und Intensität am Ende der Nachkriegszeit, in einigen Texten aufspüren. Dabei möchte ich mich nicht den fiktiven Erinnerungen eines Markus Beyer (‚Flughunde‘, 1995) oder Peter Roos (‚Hitler lieben‘, 1998) zuwenden, sondern zwei autobiografisch gefärbte Romane aufgreifen: Hanns-Josef Ortheils Roman ‚Abschied von den Kriegsteilnehmern‘ (1992) und Hans-Ulrich Treichels Erzählung ‚Der Verlorene‘ (1998). Mir geht es im folgenden um einen Seitenblick auf die Literatur der Vierzigjährigen, also auf jene Generation, die die 68er Zeit gerade noch als Jugendliche gestreift hat, ohne daß sie der 68er Generation zuzurechnen wären. Beide Arbeiten greifen Motive der sog. Väterliteratur der 80er Jahre auf, aber ihre Intonation ist anders geworden. Mir scheint, hier läßt sich die Arbeit an einer Art dritten Position beobachten, die während der Kriegsdiskussionen der 90er Jahre kaum zum Zuge gekommen ist – Haltungsproben jenseits von Schulddiskurs und Normalisierungsverlangen.

Die Autoren – Jahrgang 1951 bzw. 1952 - sind keine Kriegsteilnehmer, und sie sind auch keine "Kriegskinder" mehr; man könnte sie als Kinder des "Wiederaufbaus" bezeichnen. Was "Krieg" bedeutet, spiegelt sich in ihren Familiengeschichten der Nachkriegszeit - der Krieg, das sind die Eltern. Kriegsbilder speisen sich aus den Hinterlassenschaften von Flucht und Bombenangriffen, eine Perspektive, die – bei aller Zentralität des Vaters in Ortheils Roman – die in der sog. Väter-Literatur noch übermächtige Vaterfigur zurücktreten läßt zugunsten der Familienkonstellation. In dieser sind die beiden Ich-Erzähler die "einzigen" oder sogar "letzten Söhne"; ihre Geschwisterkinder sind gestorben oder verschollen. Dadurch gewinnen sie eine prekäre Stellvertreterposition; der eine als "der aus dem Krieg entkommene Ich" (Ortheil, S.290), der andere als Inhaber einer "Nebenrolle", die ihm zugemutet wird durch den "untoten Bruder", der auf der Flucht verloren ging (Treichel, S.17). Beide bewegen sich in einem Zwiespalt von "Leere" und Erwartungen – und interessant ist nun, wie sie sich der Erwartungen und Delegationen ihrer kriegsgeschädigten Eltern erwehren.

Ortheils Auseinandersetzung mit dem Vater beginnt gleichsam konventionell, im Augenblick seines Todes. Die Suchbewegung des erwachsenen Sohnes vollzieht sich in Gestalt einer Reise, die in ironischer Brechung die moralische Geografie des Vaters noch einmal nachvollzieht. Hatte es diesen nach den Erfahrungen des Ostkriegs immer nur nach Westen, an den Rhein, gezogen ("nie mehr wollte er in den Osten", S.122), so reist der grübelnde Sohn durch Amerika. Doch diese Flucht- oder Gegenbewegung kann die Lücken im Lebenslauf des Vaters nicht füllen – die Fragen nach dem Ostkrieg oder nach Auschwitz bleiben unbeantwortet. Obwohl der Sohn erkennen muß, daß der Vater "zu einem Teil noch in dieser Vergangenheit lebte" (S.284), gibt er diese nicht preis. Dadurch wird er zum "Fremden", ja zum "Gegner" (S.286) des aufbegehrenden, fordernden und (ver-)urteilenden Sohnes. Bei Ortheil sind diese zwischen Identifikation und Ablösung, Sympathie und Kritik, Mitleid und Wut schwankenden Vaterbilder in die Rahmenerzählung einer Reise montiert, die erst in einer verwandelten zeitgeschichtlichen Konstellation ihr Ende findet. Als im Sommer 1989 die DDR-Ausreisewelle nach Prag einsetzt, kehrt der Erzähler die moralische Geografie um – nun fährt er nach Osten, den westwärts Drängenden entgegen. Den Vater – und die vier gestorbenen Brüder – trägt er in einer allegorischen Schlußszene mit nach Osten, "um sie hier, in der fernen Weite, zu begraben für immer..."(S.412). – Die Öffnung der Grenzen und Räume, das Ende von Blockkonfrontation und deutscher Teilung stiften familiären Frieden. Beantwortet sie auch die offenen Fragen nach den "Lücken" (S.49) im Lebenslauf des Vaters oder haben diese nur ihren bisherige Bedeutung verloren?

Weniger harmonisch verläuft die Suchbewegung in der Familie von Treichels jugendlichem Ich-Erzähler. Das Einzelkind steht im Schatten eines Verlustes, der alles überdeckt und eine "von Schuld und Scham vergiftete Atmosphäre" (S.17) stiftet, die alle Lebensregungen durchtränkt. Der titelgebende Verlorene macht dem Sohn seinen Platz streitig. Für die Mutter ist er "nur das, was sie nicht hatte" (S.140). Die Suche nach dem Vermißten führt durch familiäre Konflikte, psychosomatische Attacken, erbbiologische Gutachten und den Infarkttod des Vaters. Als alles vergebens bleibt, da die Befunde sich als zu vage erweisen, beschließt man, das infrage kommende "Findelkind 2307", inzwischen längst ein junger Erwachsener, insgeheim doch einmal in Augenschein zu nehmen. Dabei verkehren sich jäh die Reaktionen. Der Erzähler glaubt, sein "eigenes, nur um einige Jahre älteres Spiegelbild" (S.174) zu erblicken, die Mutter aber schweigt und scheint nichts bemerkt zu haben. – Wird er nun selbst zum Verlorenen? Bleibt die "Leere", die der andere hinterlassen hat, unentrinnbar an ihm haften? Dann wäre auch er noch ein spätes "Kriegskind".

Auf den ersten Blick haben wir es mit gegenläufigen Entwürfen zu tun. Ortheil gestaltet eine Art nationalgeschichtlich grundierter Abschiednahme von einem quälenden Erbe des Krieges, Treichel dagegen beschreibt, wie unentrinnbar ein Kriegsverlust im eigenen Lebensgefühl haften bleibt. Gleichwohl bedienen sich beide Autoren ironischer Gesten. Denn die symbolische Grablegung im Osten, die Frieden verspricht, setzt sich künftig der unbekannten Geschichte des Ostkrieges aus, auch wenn diese ihre existenzielle Bedrohlichkeit für den erzählenden Sohn eingebüßt hat. Bei Treichels Jugendlichen verbirgt sich in der vermeintlich nur selbstbezüglichen Verlustanzeige eine subtile Weiterung. Als Metapher einer Beschädigung ist sie offen für die Erfahrung von Schmerz und Tod, Schuld und Unschuld, Recht und Unrecht. Der Haltungsentwurf beider Autoren schwankt zwischen einer gelingenden Entidentifizierung von den Eltern und einem Rest an identifikatorischer Gefangennahme durch die Familienkonstellation19. Doch im Vergleich zur Väterliteratur tritt das Elternerbe am Ende zurück, es fehlt die stellvertretende Geste, und auch die Handlungsbedingungen haben sich gegenüber den 70er und 80er Jahren dramatisch verändert. In der diskutierenden Öffentlichkeit finden diese Haltungen nur geringe Resonanz. Noch werden die "Stellvertreterkriege" der Erinnerung von der bundesdeutschen Angstgeschichte geschrieben.

 

Dr. Klaus Naumann, Historiker und Journalist, wiss. Mitarbeiter im Hamburger Institut für Sozialforschung. Buchveröffentlichung: Der Krieg als Text. Das Jahr 1945 im kulturellen Gedächtnis der Presse. Hamburg 1998.


Fußnoten:


1 Hans-Peter Schwarz, Die ausgebliebene Katastrophe. Eine Problemskizze zur Geschichte der Bundesrepublik. In: Den Staat denken. Theodor Eschenburg zum Funfundachtzigsten. Hg. von Herman Rudolph. Berlin 1993, S.151-174.
2 Vgl. die Überlegungen bei Michael Geyer, Der kriegerische Blick. Rückblick auf einen noch zu beendenden Krieg. In: SOWI (1990). H.2. S.111-117.
3 Vgl. Christian Meier, Vierzig Jahre nach Auschwitz. Deutsche Geschichtserinnerung heute. München 1990; Klaus Naumann, Zwischen Tabu und Skandal. Zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik. In: NS-Vergangenheit, Antisemitismus und Nationalismus in Deutschland. Beiträge zur politischen Kultur der Bundesrepublik und zur politischen Bildung. Hg. von Christoph Butterwegge. Baden-Baden 1997. S.39-49.
4 Vgl. Klaus Naumann, Die Frage nach dem Ende. Von der unbestimmten Dauer der Nachkriegszeit. In: Mittelweg 36 8 (1999). H.1. S.21-32.
5 Vgl. jetzt Dan Diner, Das Jahrhundert verstehen. Eine universalhistorische Deutung. München 1999.
6 Vgl. Jan Philipp Reemtsma, Deutsche Linke `91. Sozialpsychologische Gedanken zur Architektur einer Ruine. In: Ders., Der Vorgang des Ertaubens nach dem Urknall. 10 Reden und Aufsätze. Zürich 1995. S.62-75.
7 Vgl. Elisabeth Domansky, Die gespaltene Erinnerung. In: Kunst und Literatur nach Auschwitz. Hg. von Manuel Koeppen. Berlin 19992. S.178-196.
8 Vgl. Micha Brumlik, Weltrisiko Naher Osten. Moralische und politische Perspektiven in einem Konflikt ohne Ende. Hamburg 1991, bes. S.27ff; Dieter Wellershoff, in: Spiegel (1999). H.15. S.264.
9 Vgl. die Überlegungen von Burkhard Spinnen, Zur Rückkehr des Schicksals in Kriegszeiten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.5.1999.
10 Vgl. Jürgen Habermas, Wider die Logik des Krieges. In: Die Zeit, 15.2.1991.
11 Vgl. Hans Magnis Enzensberger, Hitlers Wiedergänger. In: Spiegel (1991), H.6. S.26-28; Ders., Ein seltsamer Krieg. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.4.1999.
12 Zit. n. Brumlik, a.a.O., S.33.
13 Durs Grünbein. In: Spiegel (1999). H.15, S.262.
14 Vgl. die Doppelseite mit Leserbriefen in: Welt, 17.4.1999.
15 Vgl. Klaus Naumann, Der Krieg als Text. Das Jahr 1945 im kulturellen Gedächtnis der Presse. Hamburg 1998. S.77ff.
16 Vgl. Peter Becher, Die Zukunft der Vertriebenen. In: Welt, 25.5.1999.
17 Vgl. beispielsweise Karl Schlögel, Kosovo war überall. Die ethnische Säuberung ist eine Ausgeburt des 20. Jahrhunderts. In: Die Zeit, 29.4.1999. S.15-19.
18 Vgl. Karl Otto Hondrich, Lehrmeister Krieg. Reinbek 1992.
19 Vgl. dazu Heinz Bude, Die Achtundsechziger-Generation im Familienroman der Bundesrepublik. In: Vertuschte Vergangenheit. Der Fall Schwerte und die NS-Vergangenheit der deutschen Hochschulen. Hg. von Helmut König u.a. München 1997. S.287-300.